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Clean Core – Wie Unternehmen Updatefähigkeit und Individualität in Einklang bringen

  • Autorenbild: Martin Kohlsaat
    Martin Kohlsaat
  • 10. Okt.
  • 5 Min. Lesezeit

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Die Clean-Core-Strategie ist für viele SAP-Kunden ein zentrales Zukunftsthema. Doch Clean Core bedeutet nicht, auf Individualität zu verzichten – im Gegenteil: Mit den modernen Extensibility-Optionen von SAP lassen sich kundenspezifische Anforderungen gezielt und nachhaltig umsetzen, ohne den Standard zu gefährden.Martin Kohlsaat, Vorstand der cink AG, erläutert im Gespräch, warum Clean Core kein Dogma, sondern ein Gestaltungsprinzip ist – und wie Unternehmen die Balance zwischen Stabilität und Innovation finden.



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Martin Kohlsaat, Vorstand der cink AG


Was bedeutet Clean Core – und warum ist es so wichtig?

Früher war es üblich, tief in den SAP-Code einzugreifen: eigene Tabellen, eigene Logiken, bis hin zu direkten Modifikationen, wobei letzteres zum Glück eher die Ausnahme darstellt. Das hat zwar Flexibilität gebracht, aber auch hohe Komplexität und technische Schulden verursacht. Stattdessen nutzt man die von SAP vorgesehenen Erweiterungsmechanismen, um individuelle Anforderungen umzusetzen – also z.B. freigegebene APIs, CDS-Views oder BAdIs. Das ist entscheidend, um Updatefähigkeit, Sicherheit und Zukunftsfähigkeit zu bewahren.

Ein sauberer Core sorgt dafür, dass neue Releases, Cloud-Funktionen oder KI-Innovationen ohne großen Aufwand übernommen werden können. Anders gesagt: Clean Core ist die Basis für nachhaltige Innovation – keine technische Vorschrift, sondern ein strategisches Prinzip.


Viele Unternehmen befürchten, dass sie mit einem „Clean Core“ ihre Individualität verlieren. Wie sehen Sie das?

Das ist ein weitverbreitetes Missverständnis. Clean Core bedeutet nicht, dass alles Standard sein muss. Es geht vielmehr darum, wie Individualität umgesetzt wird. SAP hat mit den sogenannten Extensibility-Modellen einen klaren Rahmen geschaffen, um Erweiterungen gezielt und kontrolliert vorzunehmen. Wir unterscheiden hier drei Säulen:

  1. Key User Extensibility – das ist die leichtgewichtige Variante, mit der SAP-Berater oder versierte Key User Fiori-Apps anpassen, neue Felder hinzufügen oder eigene Business Objects erstellen können. Diese Änderungen sind update-sicher und erfolgen direkt im Standard.

  2. Developer Extensibility – richtet sich an Entwickler, die mit dem RESTful Application Programming Model (RAP) arbeiten. Hier werden eigene Services, CDS-Views oder Fiori-Apps erstellt, jedoch nur auf Basis freigegebener Schnittstellen. Ein Beispiel: Eine Fiori-App wie „Manage Purchase Orders“ kann um ein Feld für die Lieferketten-Compliance erweitert werden – ganz ohne den Standardcode zu verändern.

  3. Side-by-Side Extensibility – hier werden Erweiterungen komplett außerhalb des ERP-Kerns realisiert, z. B. auf der SAP Business Technology Platform (BTP).

    So können Unternehmen eigenständige Anwendungen bauen, die SAP-Daten mit externen Systemen kombinieren – etwa CRM- oder KI-Lösungen.

Diese drei Modelle zeigen: Individualität bleibt möglich – nur eben nach klaren Spielregeln.


Das klingt nach einem strukturierten, aber durchaus komplexen Ansatz. Warum ist Clean Core trotzdem so entscheidend?

Weil sich die Welt von SAP massiv verändert hat. Mit S/4HANA, Cloud-first-Strategien und KI-getriebenen Innovationen entstehen Updates und Releases in immer kürzeren Zyklen. Wenn der Core über die Jahre „verbogen“ wurde, kann man an diesen Innovationen kaum teilnehmen – jedes Update wird zum Großprojekt. Ein Clean Core dagegen ermöglicht es, neue Funktionen schnell und ohne große Migrationsaufwände zu übernehmen.

Kurz gesagt: Clean Core ist der Schlüssel zur Releasefähigkeit – und damit die Eintrittskarte in die Cloud-Zukunft.


Welche konkreten Vorteile haben Unternehmen, die früh auf eine Clean-Core-Strategie setzen?

Die Vorteile sind vielfältig:

  • Updatefähigkeit: Der größte Hebel. Releasewechsel werden planbar, risikoärmer und günstiger.

  • Zukunftssicherheit: Unternehmen sind vorbereitet auf Cloud- oder hybride Szenarien.

  • Kostenreduktion: Weniger Test- und Anpassungsaufwand.

  • Compliance: Klare Richtlinien und weniger technische Schulden.

  • Innovationsfähigkeit: Wer einen sauberen Core hat, kann neue SAP-Features, etwa KI-Services, sofort nutzen.

Aber auch auf kultureller Ebene passiert etwas: Wenn ein Unternehmen Clean Core ernst nimmt, schafft das Transparenz und Disziplin – man denkt Prozesse neu, standardisiert sinnvoll und stärkt die Governance. Oft höre ich: „Wenn alles Standard sein soll, wo bleibt dann unser USP?“ Doch genau hier liegt das Missverständnis. Clean Core heißt nicht, dass Individualität verschwindet – sie wird nur strukturiert. Der Unterschied ist, dass jede Anpassung über ein freigegebenes Framework erfolgt – also klar dokumentiert, wartbar und zukunftssicher.

So entsteht eine kontrollierte Individualität – modern, nachhaltig und transparent.


Wie hängt die Clean-Core-Strategie mit dem Thema Public Cloud zusammen? Warum ist beides so eng miteinander verknüpft?

Clean Core ist im Grunde die Voraussetzung, um überhaupt den Weg in die die Public Cloud gehen zu können und von den Vorteilen zu profitieren. In der Public Cloud bestimmt SAP den Innovationsrhythmus – neue Funktionen, Security-Patches und KI-Services werden in kurzen Zyklen ausgeliefert. Nur wer einen sauberen, standardnahen Core hat, kann diese Updates problemlos übernehmen.

Wenn ein System stark individualisiert ist, wird jeder Release zum Hindernislauf. In der Cloud ist das schlicht nicht praktikabel, weil die Updatefrequenz viel höher ist. Ein Clean Core sorgt dafür, dass Unternehmen diesen Takt mitgehen können – automatisch, sicher und ohne auf ihre individuellen Prozesse zu verzichten.

Anders gesagt: Clean Core ist der Enabler für die Public Cloud, und die Public Cloud wiederum ist der Katalysator für kontinuierliche Innovation. Beides gehört zusammen, wenn man langfristig updatefähig, effizient und zukunftssicher bleiben will.

Gleichzeitig ist es wichtig, das Thema differenziert zu betrachten. Nicht jedes Unternehmen wird sofort vollständig in die Public Cloud wechseln – oft sind hybride Szenarien sinnvoll. Aber wer heute mit einem sauberen Core arbeitet, legt den Grundstein, um morgen flexibel entscheiden zu können, wann und wie der Schritt in die Cloud erfolgt.


Wie gelingt der Weg in der Praxis – vom individuellen System hin zum Clean Core?

Zuerst braucht es eine bewusste Entscheidung. Clean Core ist kein IT-Projekt, sondern eine strategische Haltung. Es betrifft Organisation, Prozesse und Kultur. Wichtig sind drei Schritte:

  1. Governance etablieren: Klare Programmier- und Changerichtlinien.

  2. Know-how aufbauen: Schulungen für Key User, Entwickler und Architekten zu modernen Extensibility-Ansätzen.

  3. Altlasten bereinigen: Alte Modifikationen prüfen, reduzieren oder in saubere Erweiterungen überführen.

Und dann gilt: nicht dogmatisch werden. Nicht jede Anpassung muss sofort eliminiert werden – entscheidend ist, dass neue Erweiterungen künftig sauber umgesetzt werden. Das bedeutet Schulung, Governance und ein neues Denken – weg vom „alles ist möglich“ hin zu „alles ist nachvollziehbar und zukunftsfähig“.


In der Praxis stößt dieser Weg aber oft auf Widerstände – insbesondere bei Entwicklern. Woran liegt das?

Das ist absolut richtig – und ehrlich gesagt auch nachvollziehbar. Viele Entwickler haben über Jahre gelernt, Probleme direkt im System zu lösen – schnell, pragmatisch, mit direktem Codezugriff. Clean Core bedeutet für sie zunächst: Einschränkung, zusätzliche Regeln, längere Wege.

Hinzu kommt: Als SAP die Extensibility-Strategie eingeführt hat, war sie anfangs noch nicht vollständig ausgereift. Viele APIs für Standardfunktionen haben schlicht gefehlt, und manches ließ sich in der Theorie zwar sauber, in der Praxis aber nur mit Workarounds umsetzen. Das hat bei vielen verständlicherweise Frust ausgelöst.

Mit den neueren SAP-Releases hat sich das deutlich verbessert – die verfügbaren Schnittstellen, Frameworks und Tools sind heute wesentlich umfassender. Aber der Weg ist noch nicht zu Ende. Clean Core und Extensibility entwickeln sich kontinuierlich weiter.

Wichtig ist, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen: mit einem offenen Dialog zwischen IT, Fachbereichen und Entwicklern – und mit dem Bewusstsein, dass nicht alles schwarz-weiß ist.Es geht nicht darum, alte Arbeitsweisen zu verurteilen, sondern neue, nachhaltige Wege zu schaffen.


Zum Schluss noch ein Blick auf die Zusammenarbeit in Netzwerken: Welche Rolle spielt die Digital Waterkant bei der Umsetzung von Clean-Core-Strategien?

Eine sehr zentrale. Denn Clean Core ist kein Thema, das sich isoliert in einem Fachbereich lösen lässt. Man braucht breites SAP-Know-how – von der Prozessberatung über Technologie bis hin zur Infrastruktur.

Durch die Digital Waterkant, unsere Beratungsallianz mit Partnern aus Norddeutschland, bündeln wir genau diese Vielfalt. Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Meinungen treffen hier zusammen – immer auf Augenhöhe mit dem Kunden. Das ermöglicht es uns, Strategien ganzheitlich zu entwickeln und umzusetzen, ohne dogmatisch zu werden.

Ich sehe das als echten Mehrwert: Unsere Kunden profitieren von der Flexibilität kleinerer, spezialisierter Häuser, kombiniert mit der Kompetenzbreite eines starken Netzwerks.

So können wir gemeinsam nachhaltige und zugleich praxisnahe Lösungen realisieren – genau das, was Clean Core in der Realität braucht.

Wir begleiten unsere Kunden dabei, ihre individuellen Anforderungen in ein nachhaltiges Erweiterungsmodell zu überführen. Das bedeutet: Wir prüfen bestehende Eigenentwicklungen und Modifikationen, entwickeln mit den Fachbereichen ein Extensibility-Governance-Modell und zeigen konkrete Alternativen auf – etwa, welche Erweiterungen im Core bleiben können und welche besser in die BTP ausgelagert werden

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